Schwellenländer unter Druck: Der Krise dritter Teil

Zuerst wurden die USA durcheinandergeschüttelt, dann geriet die Euro-Zone an den Rand des Kollapses, und nun rücken die Schwellenländer ins Zentrum des Sturmtiefs. Taugt diese Drei-Stufen-These?

Kommentar von Thomas Fuster, NZZ online vom 2.10.2015 , 20:38 Uhr
ergänzt durch: Julia Hirsch, Judit Ottrubay und Jan Söntgerath

Kommende Woche findet in Peru das Jahrestreffen des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank statt.

 Zu reden geben werden dort nicht zuletzt die Probleme der Schwellenländer. Im Raum steht die These, dass es sich bei diesen Problemen um die dritte Phase der schon siebenjährigen Weltwirtschaftskrise handelt. → zum Zeitstrahl

Infobox
3-Stufen-These. Quelle: eigene Darstellung. Mehr Informationen

Nachdem 2008 zunächst die angelsächsischen Länder durcheinandergeschüttelt wurden, geriet ab 2011 die Euro-Zone an den Rand des Kollapses, ehe nun die Schwellenländer ins Zentrum des Sturmtiefs rücken. Ein Vertreter dieser Drei-Stufen-These ist Andy Haldane, Chefökonom der Bank of England.

Landkarte

Betroffene Länder nach Stufe. Quelle: eigene Darstellung

Hält man sich an die Abfolge, erscheint die Stufe drei als direkte Folge der Stufen eins und zwei. So haben sowohl das amerikanische Fed als auch die Europäische Zentralbank die Probleme ihrer Währungsräume mit einer Geldschwemme zu bekämpfen versucht. Viel von diesem Geld floss in die Schwellenmärkte und befeuerte dort einen Kreditboom.

Inflation
Zusammenhang Inflationsrate und Kreditvergabe in Schwellenländern. Quelle: tradingeconomics.com, UNCTAD World Investment Report

Dieser Boom scheint nun durch einen Einbruch abgelöst zu werden. So schätzt das Institute of International Finance (IIF), dass die Nettomittelflüsse in Schwellenländer 2015 erstmals seit 1988 negativ ausfallen werden. Gründe sind die sinkenden Rohstoffpreise, die Erstarkung des Dollars und die Erwartung einer Zinswende in den USA.

So zutreffend die Analyse aus aggregierter Sicht auch sein mag, so bedeutsam bleiben die Unterschiede zwischen den Ländern. Der Umbau von Chinas Wirtschaftsmodell, das Leiden Brasiliens unter staatlicher Misswirtschaft, das Ächzen Russlands ob der Rohwaren-Baisse oder die Probleme der Türkei mit erodierender Rechtsstaatlichkeit haben wenig gemeinsam. Das spiegelt sich auch darin, dass etwa China und Indien als Nettoverbraucher von Rohstoffen durchaus von deren Preiszerfall profitieren. Um in der dritten Phase der Krise den Überblick zu wahren, empfiehlt sich denn auch eine zurückhaltende Verwendung des Schwellenländer-Etiketts.

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Quelle: eigene Darstellung auf Basis von Daten der Weltbank

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