An den Grenzen des Fair Trade

Folgender Blogpost ist eine mediale Erweiterung des Artikels „An den Grenzen des Fair Trade“ von Franziska Kohler, der am 27.11. 2015 im Tagesanzeiger erschienen ist. 

Fatima Ali hat hier eindeutig das Sagen. Die Ghanaerin steht am Kopfende eines langen, schwarzen Tisches, die Hände auf der Tischplatte abgestützt, den Oberkörper vorgebeugt. Zu ihrer Linken sitzen Mitglieder von Kuapa Kokoo, einer der grössten Fairtrade-Kooperativen Afrikas. Ali, 33 Jahre alt und Mutter von zwei kleinen Kindern, ist die Präsidentin. Zu ihrer Rechten sitzen Vertreter von Coop und der Fairtrade-Organisation Max Havelaar. «Wir haben lange auf euren Besuch gewartet», sagt Ali.

„Wir haben lange auf euren Besuch gewartet“

Kuapa Kokoo ist einer der grössten Zulieferer der Coop-Produzentin Chocolats Halba. Rund 2000 der knapp 50’000 Tonnen Kakao, welche die Kooperative jährlich ausliefert, gehen in die Schweiz. Mehr als 100’000 ghanaische Kleinbauern gehören der Kooperative an, das Fairtrade-Siegel trägt sie seit 20 Jahren. «Jede einzelne unserer Kakaobohnen wird unter fairen Bedingungen hergestellt», sagt Ali. «Wir möchten euch noch viel mehr Fairtrade-Kakao liefern!»  Das folgende Video verdeutlicht ihre Leidenschaft für den Kakaoanbau.

Mindestpreis seit Jahren unter dem Marktpreis

Der Grund ist klar: Mit dem Fairtrade-Label profitiert die Kooperative von einem fixen Mindestpreis (der beim Kakao allerdings seit Jahren unter dem Marktpreis liegt) und einer Prämie von 200 Dollar pro verkaufter Tonne. Über die Verwendung dieser Prämie entscheiden die Kleinbauern und Kooperativen selbst. Kuapa Kokoo setzt sie auch für Projekte gegen Kinderarbeit oder für die Frauenförderung ein:

«Durch den Zusammenschluss können die Bauern gestärkt am Markt auftreten und Wissen untereinander austauschen», sagt Max-Havelaar-Chefin Nadja Lang. Die folgende Grafik zeigt, wie sich der Marktpreis in den letzten Jahren zum Mindestpreis verhalten hat, der von den Labels garantiert wird. Garantierte Mindestpreise sind zwar ein wichtiges Element der Zertifikate, doch ihre Auswirkung auf den Betrieb der Kleinbauern hat auch Nachteile, wie ein Bericht der NZZ zeigt.

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Quelle: fairtrade.net

 

Nicht genug zum Leben

Eine stärkere Position im Markt – das wäre gerade für Kakaobauern ungemein wichtig. Denn ihr Einkommen ist immer noch sehr tief. Das weiss auch Fatima Alis jüngerer Bruder, und der ist erst fünf Jahre alt. Letztens habe sie ihn gefragt, ob er auch einmal Kakaobauer werden wolle, so wie sie, erzählt Ali. «Nein, auf keinen Fall!», habe er geantwortet. Der Kakaoanbau ist hart, das weiss in Ghana jedes Kleinkind. Und der Verdienst ist so gering, dass er laut dem «Cocoa Barometer 2015» nicht ausreicht, um eine durchschnittliche Bauernfamilie zu ernähren.

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Krasser Kontrast zur wachsenden Nachfrage

Die Armut der Bauern steht in krassem Kontrast zur stetig wachsenden Nachfrage nach Kakao, vor allem in den Schwellenländern. Der Preis je Tonne ist in den letzten eineinhalb Jahren um mehr als 40 Prozent gestiegen, auf 3.40 Dollar pro Kilogramm. Bei den Bauern kommt aber nur ein Teil davon an, weil die Geschäfte in Ghana über eine staatliche Behörde abgewickelt werden. In anderen Ländern wiederum werden sie von Zwischenhändlern dominiert.

Die Kleinbauern sind grösstenteils unorganisiert und weitgehend machtlos. Wenige Grosskonzerne kontrollieren einen grossen Teil der Wertschöpfungskette – namentlich Schokoladenproduzenten wie Nestlé, Mars, Ferrero oder Mondelez und Kakaoverarbeiter wie Barry Callebaut oder Cargill. Sie betonen zwar, dass ihr Einfluss auf die Kakao-Preissetzung begrenzt sei. Doch ihre Marktmacht ist laut dem «Cocoa Barometer» ohne Zweifel gross.

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Quelle: makechocolatefair.org

 

Kooperative entgehen 6,5 Mio. USD an Prämien

Beim Fairtrade-Kakao kommt noch ein weiteres Problem hinzu. Um zertifiziert zu werden, müssen Produzenten ihren ganzen Kakao unter Fairtrade-Bedingungen anbauen. Mit dem Label verkaufen können viele aber nur einen Teil davon. Bei Kuapa Kokoo ist es rund ein Drittel – der Kooperative entgehen pro Jahr also etwa 6,5 Millionen Dollar an Fairtrade-Prämien. Tatsächlich werden erst rund 1,4 Prozent des weltweit verkauften Kakaos fair gehandelt, in der Schweiz sind es immerhin 4 Prozent. Ein Grund: In der Vergangenheit wurde das Label nur an Produkte vergeben, bei denen alle Zutaten, die als Fairtrade-zertifizierter Rohstoff erhältlich sind, auch fair bezogen worden sind. Kaufte ein Schokoladenproduzent zum Beispiel nur den Kakao aus fairem Anbau, nicht aber den Rohrzucker, bekam er auch kein Label.

Konsumenten: Fairtrade nicht mehr wirklich Gütesiegel

Das änderte sich Anfang 2014. Damals führte Max Havelaar das neue «Program»-Label für Kakao ein. Es wird auch an Produkte vergeben, die nur Fairtrade-Kakao enthalten, ansonsten aber herkömmliche Rohstoffe, zum Beispiel Schweizer Rübenzucker oder Rohrzucker aus traditionellem Anbau. Hinzukommt neben den Hürden des Kakaoabsatzes, dass das Fair-Trade-Siegel ausserdem immer wieder unter Beschuss gerät, bezüglich nicht ausreichender Zahlungen in die betroffenen Länder, wie der Tagesanzeiger berichtete. Problematisch ist dabei, dass „Fair Trade“ von den Konsumenten nicht mehr wirklich als Gütesiegel für Fairness gilt.

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Quelle: Chocolate Barometer 2015

 

Bei Prüfung entdeckten Kontrolleure Mängel

Fatima Ali dürften diese Bedenken herzlich wenig interessieren. Für sie gilt: Je mehr Fairtrade-Kakao abgesetzt wird, desto mehr profitiert Kuapa Kokoo. Im Gegenzug wird die Kooperative von der Zertifizierungsstelle FLO-Cert regelmässig auf die Einhaltung der Fairtrade-Standards kontrolliert – und macht damit gerade unangenehme Erfahrungen. Bei der letzten Prüfung entdeckten die Kontrolleure Mängel. Sie kritisierten zum Beispiel, dass nicht alle Mitglieder der Kooperative korrekt registriert worden sind. Kuapa Kokoo wurde vorübergehend suspendiert und hat nun einige Monate Zeit, die Probleme zu lösen.

„Rein administrative Probleme“

Kundin Coop sieht die Suspendierung gelassen. «Wenn die Anzeichen sich verdichten, dass es bei einem Glied in der Lieferkette Probleme gibt, müssen wir Ausweichmöglichkeiten haben», sagt Konzernchef Joos Sutter. Bei Kuapa Kokoo sei dieser Punkt aber nicht erreicht. Schliesslich gehe es um «rein administrative Probleme», welche die Kooperative sicher in den Griff bekommen werde. Ausserdem setze Coop bei seinen Fairtrade-Produkten auf langfristige Partnerschaften. «Wir begleiten unsere Lieferanten auch in schwierigen Zeiten und helfen ihnen wo möglich dabei, ihre Probleme zu lösen.» Und für Nadja Lang von Max Havelaar ist die Suspendierung ein Beweis dafür, dass die Kontrolle der Fairtrade-Standards funktioniert: «Mängel bei den Kooperativen werden entdeckt und geahndet, das ist für uns zentral.»

Der Besuch bei der Kooperative Kuapa Kokoo fand auf Einladung von Coop und Max Havelaar statt.

Artikel bearbeitet von: Kassandra Bucher, Michael Gort, Ivo Graffius. Inhaltliche Änderungen sind in kursiv markiert. Sowohl die Zwischentitel als auch die Hervorhebungen im Text sind vom bearbeitenden Team gewählt worden und waren nicht Teil des Originalartikels im Tagesanzeiger. 

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