Sprache im Einwanderungsland

Diverskulturelle Copyright-Schweizer

Ein Schweizer ohne Migrationshintergrund (SoM) fragt einen Neubürger, was Papierlischwizer von Copyright-Schweizern unterscheidet. Ein neues Wörterbuch liefert die Antwort.

von Simon Gemperli, 29.12.2014, 11:54 Uhr, NZZ

Artikel ergänzt durch Laurence Kaufmann, Samuel Eugster und Yannick Pfaffen am 03. Dezember 2015 im Rahmen des Lehrprogramms Wirtschaftsjournalismus an der Universität St. Gallen. Inhaltliche Ergänzungen sind in kursiver Schrift dargestellt.

SWITZERLAND - SOMMER
Wann darf man sich Schweizer nennen und wann ist man ein Bürger mit Migrationshintergrund? (Quelle: swiss-image.ch/Christof Sonderegger)

Es gibt nicht nur Inländer und Ausländer, sondern alle möglichen Zwischenformen und obendrein auch noch Doppelbürger. Dieser Vielfalt sprachlich gerecht zu werden, ist schwierig. Es grassieren Stereotype, politische Korrektheit und unpräzise Begriffe – insbesondere in den Medien.

Wie Professor Christoph Frei (Titularprofessor für Politikwissenschaft mit besonderer Berücksichtigung der Internationalen Beziehungen an der Universität St.Gallen) existieren zwar wenige Begriffe, welche aber ausreichen, um bestimmte Phänomene zu beschreiben.

Seine Beispiele zeigen, dass die in der Bevölkerung verwendeten Begriffe zwar nicht immer politisch korrekt, dafür aber umso kreativer sind. Ob und inwiefern etwas pauschalisierend ist, hängt daher immer vom jeweiligen Kontext ab.

In Deutschland hat eine Vereinigung von Journalistinnen und Journalismus den Sprachgebrauch in ihrer eigenen Branche analysiert und dabei ein halbes Lexikon erstellt.

Aufpassen mit «wir»

Die Schweiz nimmt bekanntlich prozentual weit mehr Nichtschweizer auf als Deutschland Nichtdeutsche, spricht und schreibt aber mit einem vergleichsweise beschränkten Wortschatz über diese.

Der Ausdruck Bundesrepublikaner ist nicht adaptierbar, er passt aber auch nicht für Deutschland, da er eine Aufnahmetradition und eine Vorstellung von Einwohnern suggeriert, wie sie Frankreich oder die USA haben. Von Copyright-Schweizern, Standardschweizern und Schweizern ohne Migrationshintergrund oder Herkunftsschweizern wird hierzulande selten gesprochen, nicht einmal in Satiresendungen.

Sind demzufolge nun die Urenkel der nach 1900 eingewanderten Gastarbeiter Eidgenossen?
Gerade in der Alltagssprache haben wir also Mühe damit, die Grauzone zwischen Schweizern und Ausländern mit Begriffen zu füllen.

Dabei ist die Unterscheidung zwischen originären und nicht oder noch nicht wirklich hier angekommenen Menschen Thema fast jeder Gemeindeversammlung. Gewarnt wird im Übrigen vor dem Wort «wir», da es nur sehr unpräzise von den anderen abgrenzt.

Wer sind denn diese anderen? Ausländer mit Schweizer Pass, Diverskulturelle, Fremdarbeiter, Gastarbeiter, Integrationsverweigerer. Selbst politisch korrekt gemeinte Bezeichnungen werfen Fragen auf. Ist ein Liechtensteiner, der in Basel studiert hat und in Zürich lebt, ein Mensch mit Migrationshintergrund (MH)? Nach offizieller Definition ja. Wer den Röstigraben überquert und dann sesshaft wird, hat hingegen keinen Migrationshintergrund, egal, wie schlecht das Schulfranzösisch war.

Mit Hilfe des Tools Google Ngram kann untersucht werden, wie oft bestimmte Begriffe in der deutschsprachigen Literatur verwendet worden sind. Klicken Sie auf den Link, um zur interaktiven Grafik zu gelangen.

NGRAM
Verwendung von Begriffen über die Zeit (Quelle: Google Ngram)

Es ist eindeutig zu erkennen, wie sich die Bezeichnungen für Ausländer im Verlauf der Zeit verändert haben.

Papierlischwizer

In der EU wie auch in der Schweiz unterscheidet man zwischen Personen aus dem eigenen Kontinent und Drittstaatenangehörigen. Auch sie sind aber ausländische Mitbürger, wenn auch ohne bürgerliche Rechte. Eine ambivalente Alternative ist Neubürger, die nach Ansicht der Autoren der «Formulierungshilfe» auch nicht eingebürgerte Einwanderer einschliessen kann. Passdeutsche – das Pendant zu Papierlischwizer – hingegen sollte man nicht einmal augenzwinkernd verwenden, da der Ausdruck aus dem Vokabular der Rechtsextremen und der NDP stamme.

Das Glossar macht einen Unterschied zwischen Einwanderern (die dauerhaft bleiben wollen) und Zuwanderern (die möglicherweise bald wieder abwandern). Interessanterweise wurde in der Schweiz über eine Masseneinwanderungsinitiative abgestimmt, aber in der politischen Diskussion ist nur von Zuwanderern die Rede.

Ausländische Wohnbevölkerung2
Veränderung der Schweizerischen Wohnbevölkerung über die Zeit (Quelle: migrosmagazin.ch)

Bis zum Ende der 1960er Jahre stammen die Einwanderer vor allem aus den Nachbarländern der Schweiz. Erst mit der zunehmenden Einwanderung aus anderen Kulturkreisen nimmt auch die Verwendung des Begriffs „Migrationshintergrund“ in der Literatur zu. 

Ein Teil des Glossars ist dem Islam, der Kriminalitätsberichterstattung oder sogenannten De-Facto-Flüchtlingen gewidmet. Statt Hate-Crime kann man auf Deutsch auch Hasskriminalität sagen. Der Fachterminus ist hingegen eher sperrig: gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Wir (und die anderen) lernen durch die Formulierungshilfen Pop-Muslime, Neo-Muslime, Kultur-Muslime, Euro-Muslime und liberale Muslime zu unterscheiden. Überdies gibt es auch noch Muslime.

Bei der Flut an Begriffen drängt sich die Frage auf, ob überhaupt alle dasselbe darunter verstehen. Wir haben es getestet:

Im sprachlichen Gebrauch entstehen solche Begriffe aufgrund des ansozialisierten Drangs, sich von anderen zu differenzieren, am liebsten gegen unten. Die intrakulturellen Unterschiede sind dabei mindestens so bedeutend wie die interkulturellen. Dadurch bleibt die Sprache aber auch lebendig. 

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