Es gibt Wirtschaft. Es gibt Ethik. Gibt es auch Wirtschaftsethik?

„Die Sache hat einen Namen: Wirtschaftsethik. Und ein Geheimnis, nämlich ihre Regeln. Aber meine Vermutung ist, dass sie zu der Sorte von Erscheinungen gehört wie auch (…) die englische Küche, die in der Form eines Geheimnisses auftreten, weil sie geheim halten müssen, dass sie gar nicht existieren.“

Mit diesen Worten hat der 1998 verstorbene Soziologe Niklas Luhmann einen Vortrag zum Thema Wirtschaftsethik eröffnet. Der Titel dieses Beitrages ist ebenfalls ein (abgeändertes) Zitat von ihm. Das Original lautet: „Es gibt Wirtschaft. Es gibt Ethik. Es gibt jedoch keine Wirtschaftsethik.“ Beide Aussagen verdeutlichen, dass er eine erfolgreiche Verbindung von Wirtschaft und Ethik bezweifelt hat. Seit 1998 hat sich in diesem Bereich viel getan. Inzwischen gibt es viele Theorien und Regeln zur Wirtschaftsethik. Bereits die Assessmentvorlesung BWL I widmet diesem Thema 2 oder 3 Vorlesungen. Die Studenten lernen die berühmte tripple bottom line und bearbeiten Fallstudien zu Themen wie Kinderarbeit und Umweltschutz.

triple bottom line
triple bottom line: Ridg.com

An praktisch allen Wirtschaftsunis werden sowohl auf Bachelor- als auch Masterstufe mehrere Ethikvorlesungen angeboten. Viele Studenten wählen diese jedoch nicht, weil ja jeder einen moralischen Kompass besitzt. Wir wissen ja eigentlich alle was richtig und was falsch ist. Das nachfolgende Video veranschaulicht diese allgemein gültigen Wertvorstellungen sehr gut.

Trotzdem werden die internationalen Medien immer wieder von Skandalen dominiert. Ob Kinderarbeit in der Textilindustrie, Manipulation von Zinssätzen in der Bankenbranche, oder der jüngste Skandal in der Automobilbranche – der VW Abgas Skandal –, viele Grosskonzerne scheinen die tripple bottom line noch nicht verinnerlicht zu haben. Das Problem der Wirtschaftsethik scheint heute nicht mehr die Unsicherheit bezüglich ihrer Regeln zu sein, sondern vielmehr, dass der als allgemein gültig angesehene Werterahmen in der Praxis oft nicht gelebt wird.

VW
VW Abgas Skandal: Pierre-cda

Corporate Social Responsibility – ein wirksames Instrument der Wirtschaftspolitik?

Wenn das unethische Verhalten eines Unternehmens öffentlich wird, sind sich die Verantwortlichen – zumindest nachträglich- ihres Fehlverhaltens bewusst. Sie scheinen eigentlich auch zu wissen was richtig und was falsch ist. Bei der Aufgabe, wie man den Werterahmen mit der Wirtschaft verknüpfen kann, kommt man, wie es in Bezug auf menschliches Verhalten häufig der Fall ist, schnell zu der Frage wie stark der Staat in die Wirtschaft eingreifen darf. Thomas Hajduk und Thomas Beschorner  sehen corporate social responsibility neben dem freien Markt und den staatlichen Regulierungen als dritten möglichen Koordinationsmechanismus zur Lösung gesellschaftlicher Probleme an. Dabei betonen sie die Bedeutung der Eigenverantwortung. Wenn man aber in Bezug auf den VW Skandal bedenkt, dass es gemäss einem NZZ Artikel schon länger ein offenes Geheimnis war, dass die Autohersteller die angegebenen Werte zum Benzinverbrauch und Schadstoffausstoss sowieso nur unter Laborbedingungen erreichen können, muss man sich die Frage stellen, wie man von einem Unternehmen erwarten kann, dass es Eigenverantwortung zeigt, wenn das Fehlverhalten  grossteils toleriert wird. Auch die Twitter User zeigten sich nicht sehr überrascht.

Genau aus diesem Grund kritisiert Rainer Maurer dieses Konzept. Er sieht corporate social responsibility nur als strategisches Instrument, welches lediglich zu Marketingzwecken verwendet wird. Wenn sich nicht einmal ein derart renommiertes Unternehmen wie VW an das Gesetz hält, wieso sollten andere Unternehmen sogar über ihre gesetzlichen Verpflichtungen hinausgehen. Die potenziellen Reputationsrisiken scheinen als Anreiz nicht zu genügen.

Corporate Social Responsibility als Kosten- oder Nutzenfaktor?

Unethisches Verhalten von Grosskonzernen wird oft auf einen Zielkonflikt zwischen Gewinn- bzw. Wachstumsbestrebungen und sozialer Verantwortung zurückgeführt. Die Umsetzung des Werterahmens ist auf jeden Fall mit Kosten verbunden, langfristig kann jedoch der Nutzen überwiegen. Eine Studie des IBM Global Business Service hat gezeigt, dass sich corporate social responsibility auch in den Gewinnzahlen niederschlägt und zu besseren Stakeholder-Beziehungen führt. Die Ergebnisse dieser Studie haben auch gezeigt, dass Unternehmen immer mehr Wert auf verantwortliches Handeln legen, wobei nicht klar ist, ob sie es aus Eigenverantwortung oder aufgrund des öffentlichen Druckes tun.

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Positive Anreize für verantwortliches Handeln

Obwohl corporate social responsibility immer mehr an Bedeutung gewinnt, können wir uns nicht darauf verlassen, dass Unternehmen immer das Richtige tun werden. Selbstverantwortung muss gelernt werden und dafür braucht es einen rechtlichen Rahmen. Die Politik darf unethisches Verhalten nicht tolerieren und Unternehmen die Möglichkeit geben, sich dadurch rauszureden, dass andere Unternehmen sich ja genauso verhalten. Zu viel Regulierung ist jedoch auch nicht gut, da sich dann niemand mehr verantwortlich fühlt. Ausserdem können gesetzliche Regelungen auch umgegangen werden. Daher müssen für Unternehmen positive Anreize geschaffen werden – in Form von Rankings, wie zum Beispiel dem „Good Company Ranking“ oder dem „International Dow Jones Sustainability Index“. Durch mehr Transparenz wird die Bedeutung des verantwortlichen Handelns auch den Konsumenten nähergebracht, die ja letztendlich über den unternehmerischen Erfolg der Konzerne entscheiden. Dafür müssen vor allem die Wettbewerbsbedingungen derartig gestaltet werden, dass sich verantwortliches Handeln für die Unternehmen lohnt und Ethik und Wirtschaft nicht nur theoretisch miteinander verbunden werden. Dabei könnte man sich zum Beispiel an die Bankenregulierung anlehnen und die Boni der Topmanager zumindest teilweise begrenzen oder nicht alleine vom Gewinn abhängig machen.

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Best companies ranking 2012

 

 

 

 

 

 

 

 

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