Noch nie war Tauschen so einfach..

Bildschirmfoto 2015-10-07 um 09.44.03

Luxus besteht heute nicht mehr darin, alles selbst zu besitzen. Das Eigentum neuer Objekte langweilt uns, wir haben genug Ballast. Unser flüchtiger Lebensstil verlangt eine günstige, unkomplizierte und kurzzeitige Bedürfnisbefriedigung. Deshalb Schluss mit Shopping, Sharing lautet die neue Devise.

Bildschirmfoto 2015-10-07 um 09.55.18

Teilen ist nichts Neues, schon früh bringen es die Eltern ihren Kindern bei. Dem Internet sei Dank können heute Privatpersonen rasch und rentabel alle möglichen Alltagsobjekte tauschen. Im Jahr 2000 prophezeite der Ökonom Jeremy Rifkin in seinem Buch The Age of Access die Bewegung der Sharing Economy: „Die Ära des Eigentums geht zu Ende, das Zeitalter des Zugangs und Zugriffs auf Ideen, Gütern und Dienstleistungen beginnt.“ Auch das Time Magazine nennt Teilen als eines jener Phänomene, die die Welt verändern werden.

Bildschirmfoto 2015-10-07 um 09.32.56

Tatsächlich boomt heute der digitale Tauschmarkt, die Investitionen in Start-ups der Sharing Economy nehmen jährlich zu, siehe nachfolgende Grafik von PwC. Investoren haben das Potenzial gerochen: mit dieser „menschlicheren“ Form des Kapitalismus lassen sich lukrative Geschäfte machen.

sharing-economy-sector-and-traditional-rental-sector-projected-revenue-growth-infographic
Grafik von PwC: Sharing economy sector and traditional rental sector projected revenue growth

Das Geschäftsmodell klingt simpel: Plattformen verkuppeln den privaten Anbieter mit dem Kunden – meist gegen eine Vermittlungsprovision. Die verschiedenen Formen des Nutzen-statt-Kaufen-Prinzips reichen vom kostenlosen Teilen wie bei Couchsurfing bis zu Teilen gegen Bezahlung wie bei Airbnb. Kostenpflichtige Portale haben mit dem klassischen, altruistischen Teilen nur wenig zu tun. Neu kommt zur monetären Währung eine weitere hinzu: die digitale Reputation. Airbnb-Gründer Nathan Blecharczyk betont deren Wichtigkeit: „Der eigene Ruf ist Kapital.“ Die Reputation bestimmt den Vertrauensaufbau unter den Nutzern. Kommentare und Bewertungen über den teilungswilligen Anbieter helfen dem Interessenten, sein gegenüber einzuschätzen – auch bei teilweise geteilter Meinungen der User. Stundenlange persönliche Gespräche und mühevoll von Hand geschriebene Lebensläufe sind passé, das Internet ermöglicht mit wenigen Mausklicks einen Menschen samt Freundeskreis und Familienstammbaum „kennenzulernen“.

GDI_Infografik
Grafik vom Gottlieb Duttweiler Institut: Was wir teilen und was nicht

Geshared werden kann alles, fast alles. Passwörter, Bankkonti, Unterwäsche und Zahnbürsten werden in der Ökonomie des Teilens (noch) wenig nachgefragt. Im Internet kursieren diverse Ideen für den Tauschmarkt: Die obige Infografik des Gottlieb Duttweiler Instituts zeigt, was wir teilen und was nicht. Auch im Blog von Chandra Kalle werden 50 Wege, wie sich mit eigenen Objekten Geld machen lässt, aufgezeigt. Besonders ergiebig ist die Website JustPark mit ihrer interaktiven Grafik zur riesigen Welt des Teilens: Gegliedert nach Nationen und Branchen können neue Plattformen entdeckt werden. Betrachtet man die Suchresultate ungefiltert, so wird die riesige Bandbreite der Sharing Economy sichtbar: von „you can park in my driveway“ über „I can teach you yoga“ bis zum klassischen Hundehüten. Wir kennen den Sharing-Gedanken bis jetzt vor allem von der Reise- und Verkehrsbranche: Airbnbsierung und Uberfication haben unsere Konsumgesellschaft revolutioniert. Doch die Liste erfolgreicher Plattformen ist einiges länger..

Bildschirmfoto 2015-10-07 um 10.16.49
Geschäftsmodell von La ruche qui dit oui

Das Geschäftsmodell einer französischen Organisation, La ruche qui dit oui, dem ja-sagenden Bienenstock, überzeugt. Konsument und produzierender Landwirt können direkt – ohne Zwischenhändler – miteinander in Kontakt treten. Die Plattform bringt mehrere Vorteile mit sich: Der Landwirt verdient mehr Geld mit seinen Produkten und kann auf Bestellung liefern. Lange Transportwege entfallen, der Kunde erhält frische Ware aus der Region, er weiss über deren Herkunft bescheid und erhält Produktinformationen direkt vom Hersteller. Mit der Zeit wird der Konsument zum Stammkunden, sodass eine kleine Vertrautheit im Bienenstock entsteht. Je 8.35% des Umsatzes des Landwirtes gehen an den Ruche-Gastgeber und an die Organisation. Jeder Interessierte kann, mit dem Einverständnis der Organisatoren, seinen eigenen Bienenstock an irgendeinem Standort – sei es in einem Museum, einer Schule oder in einem Café – eröffnen. 

Bildschirmfoto 2015-10-07 um 10.18.59
Gastgeberschaft bei la ruche qui dit oui

Nebst dem Beispiel aus der Lebensmittelindustrie zeigt die Kleiderei in Hamburg wie die Sharing Economy in der Bekleidungsbranche funktioniert. Unter dem Motto: „Stil hast du, Kleider leihst du“ wird der Traum jeder Frau eines „neverending Kleiderschranks“ erfüllt. Ob für eine Hochzeit, für den Abiball oder für die Arbeit – in der Kleiderbibliothek kann jedes Kleidungsstück für zwei Wochen ausgeliehen werden. Obwohl sich Textilen aufgrund der Abnutzung, des Schwitzens und der unterschiedlichen Waschmethoden nicht unbedingt zum Teilen eignen, bietet die Plattform eine kreative Lösung: Nämlich das passende Outfit für eine einzige Gelegenheit zu finden, ohne es nach einmaligem Gebrauch wegschmeissen zu müssen. Fast-Food-Kultur Ade. 

Bildschirmfoto 2015-10-07 um 10.20.35
Grafik von Deloitte: Schweizer Sharing Economy Startups nach Gründungsjahr

Auch die Schweiz kennt eine wachsende Sharing Economy Szene, siehe Abbildung oben von Deloitte. Eine Grafik der NZZ zeigt alle Plattformen der Schweizer Ökonomie des Teilens.

sdfsdf
Grafik der NZZ: Sharing Landschaft in der Schweiz. Originale Version ist interaktiv.

Aber die Schweiz als kleines Land hat es nicht einfach in der Sharing Economy. Nur mühsam können genügend User mobilisiert werden, um das Problem der kritischen Masse zu lösen.

Bildschirmfoto 2015-10-07 um 10.22.23
Geschäftsmodell von Swisscom Friends by Mila

Swisscom zeigt in der Kooperation mit dem Start-up Mila, wie Schweizer Grossunternehmen in der Sharing Economy agieren. Experten, sogenannte „Friends“, sollen dem Kunden helfen – ohne in Anspruchnahme des professionellen Swisscom-Services – technische Alltagsprobleme schneller und billiger als ein Swisscom-Berater zu lösen. Bezahlt werden die „Friends“ direkt vom Kunden.

Bildschirmfoto 2015-10-07 um 13.01.07

Auch an der Universität St. Gallen weiss man wie geteilt wird. Die Facebook-Gruppe Sharing is caring: University of St. Gallen mit gut 12 000 Mitgliedern dient als Kleider-, Bücher-, Job-, Velo-, Auto- sowie Wohnbörse. Fragen über günstige Coiffeursalons und vegane Restaurants in St. Gallen werden innert Kürze von den Usern beantwortet. Weiter werden HSG-Studenten mit Exchange Students zusammengebracht, um ein Tandem zu bilden: Jeder Student unterrichtet seine eigene Muttersprache und erhält gleichzeitig eine Fremdsprache vermittelt. Zwei Gratisplattformen, die den studentischen Alltag erleichtern und bereichern.

Bildschirmfoto 2015-10-07 um 10.27.47

Trotz innovativer Ideen wirft die Sharing Economy auch kritische Fragen auf. Werden jetzt Dinge, die wir einst gratis gemacht haben, nur noch gegen Geld ausgeführt? Wird das Blumengiessen beim Nachbarn oder das Spazierengehen mit dem Hund der Freundin zum Geschäft? Der Gedanke des Teilens ist kommerzialisiert worden und es werden Millionen damit verdient. Gefährlich und problematisch beginnt es dann zu werden, wenn die schöne Altbauwohnung mitten in der Stadt nicht mehr von Einheimischen zum Wohnen benutzt, sondern überteuert an finanzkräftige Kurztrip-Gäste auf Airbnb vermietet wird. Hier endet der positive Altruismus. Der Urgedanke von weniger Konsum und mehr Nachhaltigkeit verschwindet hinter dem Vorhang des puren Kommerzes. Die idealistische Idee ist einem knallharten, renditeorientieren Geschäftsmodell gewichen. Das plötzliche Aus des Hamburger Tausch-Apps Why own it zeigt, wie hart und gnadenlos die ökonomische Realität des Teilens ist. Die User wollten sich zwar gerne und viel von anderen leihen, im Gegenzug dazu aber wenig selbst hergeben. Nebst dem Problem, genügend Nutzer zu mobilisieren, wirft die Sharing Economy auch verschiedene steuerrechtliche, versicherungsrechtliche und planerische Fragen auf. Läuft das Geschäft von Airbnb nicht auch deswegen hervorragend, weil das Unternehmen alle Risiken, gegen die sich die traditionelle Hotelkonkurrenz kostspielig wappnen muss, ignorieren kann? Die letzten privaten Domänen  werden ökonomisiert und Gastfreundschaft kommerzialisiert. Andererseits könnte dies auch als Chance genutzt werden. Sie erlaubt es einem Menschen, sein Einkommen und Leben selbst zu kalibrieren, ohne „herkömmlichen“ Job mit Präsenzpflicht, mit ewig gleichen Aufgaben und strikten Bürozeiten. Somit kann er sich eine ökonomische Unabhängigkeit schaffen, sich von Zwängen emanzipieren und Selbstständigkeit erreichen.

Die Sharing Economy ist kein Nischenphänomen mehr. Der Wandel hat die Gesellschaft erfasst. Oder hätten wir uns vor wenigen Jahren vorstellen können, die eigene Wohnung während des Urlaubs an Fremde zu vermieten? Bestimmt nicht. Auf den ersten Blick scheint das Modell der Sharing Economy nur Positives mit sich zu bringen. Der Konsument bezahlt weniger für seine Bedürfnisbefriedigung, Ressourcen werden geschont, neue Kontakte zwischen Personen und Kulturen werden geknüpft. Aber es besteht die Gefahr, dass der Grundgedanke verschwindet zu Gunsten des Kommerzes. Ist die schöne neue Sharing Welt deswegen gescheitert? Auf keinen Fall. Sie kann funktionieren, so zeigen es faire aufstrebende Portale wie La Ruche qui dit oui oder die Kleiderei.

Text: Simona Schmid

Advertisements